Wenn KI Kamera-Firmware schreibt

Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz lässt sich mittlerweile mit überschaubarem Aufwand neue Software für Kameras schreiben. Aktuelle Firmware der KI in den Rachen werfen, Agenten starten und vibe-coden, was das Zeug hält. Ganz so einfach ist es zwar nicht, aber die Hürde ist dank KI merklich kleiner geworden, weswegen man davon ausgehen kann, dass sich inoffizielle Firmwares zu einem neuen Geschäftsmodell entwickeln werden.

Die ersten konkreten Beispiele könnten unterschiedlicher nicht sein, was die Sinnhaftigkeit solcher Hacks betrifft. So hat beispielsweise ein Entwickler ausgerechnet der Hasselblad X2D II eine Videofunktion spendiert. Also einer Mittelformatkamera, die mehr als 7.000 Euro kostet und die ihre Benutzer vor allem deswegen kaufen, weil sie einen Fokus auf Stills, reduzierte Menüs und ein sehr dediziertes Einsatzgebiet legen möchten. Die fehlende Videofunktion ist bei einer Hasselblad also eher eine Funktion als ein Fehler. Der Versuch ist somit (absichtlich) völlig am Markt vorbeikonzipiert, aber natürlich ein schöner Showcase, der für passende Promotion sorgt und zeigt, was bereits machbar ist. Und ja, auch Doom lässt sich bereits auf diversen Kameras spielen, weil es eben geht und die Bastelei im Vordergrund steht. Aber gibt es denn auch sinnvolle Projekte?

Die gibt es, solange sie denn auch funktionieren. Neben allerlei Quatsch und Marketing gibt es diverse Firmware-Hacks, die alten SLRs ein neues Leben spendieren könnten. Beispielsweise gibt es von »The Ritual« eine interessante Firmware, die aus einer Canon 5D und 5D Mark II eine Art Filmkamera machen möchte und im Prinzip Filmsimulationen mit klanghaften Namen von »Kodak Portra 400« bis »Fujifilm Velvia 50« direkt ins Bild einbrennt. Also per Firmware direkt in der Kamera, statt nachträglich Farbanpassungen in Lightroom über das RAW vorzunehmen. Mit gutem Farbmanagement in den Voreinstellungen und entsprechend schöner GUI an der Kamera kann das durchaus seinen Reiz haben und einer älteren Kamera ein zweites Leben schenken.

Probleme, Probleme?

Aber da fangen die Probleme auch schon an. Die Zahl der Installationen ist noch recht überschaubar und eine Garantie auf einwandfreie Funktion hat man nach dem Download einer Custom-Firmware natürlich nicht. Man benötigt erst mal Vertrauen, auch wenn die Kamera vielleicht »nur« 200 Euro auf dem Gebrauchtmarkt gekostet hat. Und auch viele Entwickler sind noch vorausschauend vorsichtig: Statt die Firmware zu verkaufen, darf man meistens kostenlos seine Hardware aufs Spiel setzen und soll eher spenden, wenn man zufrieden ist. Von eventuellen rechtlichen Problemen mal ganz abgesehen, denn die Kamerahersteller werden sicherlich nicht vorab gefragt. Auch hier bedienen sich Menschen und KI einmal mehr bei bereits vorhandener und etablierter Software und generieren eine neue, ähnliche Variante, meist ohne nennenswerte Kreativität und Neuerungen mit einzubringen. Also ähnlich wie ein Photoshop-Nachbau von PhotoCraft.

Die Unsicherheit der Quelle bleibt also erst mal das größte Problem. Wenn jeder seine eigene Kamera-Firmware ohne großen Zeitaufwand zusammenstöpseln kann, wird auch mehr und mehr Mist auf den Markt geschwemmt. So wird es schnell Hunderte Kopien einer vielleicht guten Custom-Firmware geben, die allesamt versuchen, per fancy Social-Media-Marketing ein paar Downloads mehr vom gesamten Kuchen abzugreifen.

Eine zweite Gruppe an Firmware-Enthusiasten gibt es auch noch: das Team »Funktionen nachrüsten«, weil die Kamerahersteller mehr hätten machen können oder Updates für ältere Kameras absichtlich zurückhalten. Ähnlich wie schon eingangs mit der Hasselblad beschrieben, schauen Entwickler hier, ob versteckte Features in der Kamera freigeschaltet werden können, oder bringen die Original-Firmware mit neuen Menüs dazu, mehr zu machen, als vom Kamerahersteller ursprünglich vorgesehen war. Das reicht dann beispielsweise von besseren Videofunktionen bis hin zu neuen Seitenverhältnissen für die Fotoaufnahme.

Alles in allem also eine weitere nette KI-Spielerei, die sich auf der Webseite besser liest, als sie am Ende auf der Kamera aussieht. Aktuelles Equipment – oder die Stabilität der Firmware – würde ich dafür nicht aufs Spiel setzen. Aber ich habe auch eine ganz andere Hoffnung: Dass sich die Kamerahersteller selbst ihre eigenen Firmwares mal vornehmen, mit auf den Zug aufspringen, ihn aber sauber und kontrolliert fahren lassen. Wegen mir auch gegen Aufpreis als neues Geschäftsmodell mit Upselling im Bereich Software.

Zu kleine Zielgruppe?

Wäre es nicht schön, eine aktuelle Fujifilm X-E5 zu haben, die per alternativer Firmware vom Hersteller so entschlackt wird, dass sie sich vollkommen auf Fotografie reduziert? Dazu noch ein schickes neues Oberflächendesign – beispielsweise mit einer Qualität wie der von Hasselblad – und fertig ist die neue Traumkamera für Stills. Und wenn man wieder das Feature-Monster mit allem Drum und Dran haben möchte, spielt man einfach die Original-Firmware wieder auf oder schaltet im besten Fall einfach nur von Typ A auf Typ B um. Das müsste nicht mal zwangsweise kostenpflichtig sein und könnte – ebenso wie beispielsweise Filmsimulationen – zu einem Alleinstellungsmerkmal eines Herstellers werden.

Der Wunsch nach alternativer Firmware – oder zumindest der Möglichkeit, hier mehr Freiheit zu haben – scheint ja vorhanden zu sein. Allerdings wird es wohl auch nichts, wenn einfach jeder bastelt, wie er will. Zu viel Unsicherheit und zu viel KI-Mittelmäßigkeit könnten das eigentlich interessante Konzept scheitern lassen.

Die Kamerahersteller müssten natürlich ebenfalls einen Mehrwert sehen, um einzusteigen. Innovation und USPs beispielsweise. Oder Geld, geht ja auch immer. Hier würde es ja schon reichen, wenn man sich mal wieder dem generellen Thema Firmware und Design widmen würde. Die Oberflächen der Kameras sind zwar stets zweckdienlich gebaut, Spaß bei der Navigation machen aber die wenigsten. Was könnte ich fluchen bei Sony oder Fuji. Und wenn die Hardwareänderungen beim nächsten Modellupdate so langsam, aber sicher an ihre Grenzen kommen und die Kameras einfach »fertig« sind, wäre die Software vielleicht mal wieder ein Punkt, um sich etwas mehr von den Mitbewerbern abzuheben.

Aktuell gibt es nur zwei richtig schöne und übersichtliche Kameramenüs: die von Hasselblad und die von Leica. Also genau die Hersteller, die für die meisten Benutzer die wenigsten Feature-Punkte auf der Excel-Einkaufsliste bekommen und ohnehin extrem teuer sind. Zugegeben, sowohl Hasselblad als auch Leica haben es natürlich einfacher, weil weniger Menüpunkte unterzubringen sind. Aber es wäre doch schön, wenn sich mal einer der »Großen« daran versuchen würde, etwas frisches Design in die Firmware zu bekommen. Fuji vielleicht, weil hier schon bei der Hardware besonders gut gestaltet wird? Ich wär dabei.